18. Oktober 2010

- Rezension - Sterben kommt nicht in Frage, Mama

Autor: Judith End
Gattung: Biographie
ISBN: 978-3-426-27539-9 
Verlag: Droemer Knaur, 2010
Seiten: 304
Preis: 16,95 €





Die Diagnose Krebs wirft nicht nur den Erkrankten, sondern meist das gesamte Umfeld um. Es stellt sich heraus, wer ein wahrer Freund ist und wie viel man bereit ist selber zu tun, um zu kämpfen.

Judith End ist jung, schön, hat langes blondes Haar, eine wunderbare Tochter, liebt es zu feiern und brilliert mit sehr guten Noten an der Universtität. Eine junge Frau Mitte 20, welche ihr ganzes Leben noch vor sich hat. Doch mit 25 erscheint es ihr wie eine Farce. Die Diagnose Brustkrebs wirft sie von einer Sekunde auf die andere aus der Bahn. In ihrem biographischen Buch Sterben kommt nicht in Frage, Mama beschreibt Judith End ihren Werdegang im Krebsland. Manchmal erschütternt, manchmal aufmunternd, schildert sie ihren Alltag. Wie sie mit der Sitation klar kommt tot krank zu sein und dennoch ihr Leben zu bewältigen. Sich um ihre Tochter zu kümmern, um ihren Studienabschluss, um ihren Job und vor allen Dingen sich darum zu kümmern den Lebensmut zu bewahren. Denn Sterben kommt nicht in Frage, Mama, da ist sich ihre Tochter Paula ganz sicher. Judiths vierjährige Tochter nimmt das Schicksal ihrer Mutter mit. Die Situation eine Mutter zu haben, die eventuell sterben könnte und die ihre Haare verliert, weil der böse Krebs sie bezwungen hat, ist für das kleine Mädchen ein harter Brocken. Doch ebenso tapfer wie die Mutter, kämpft sie und ist der Meinung, dass eine künstliche Brust, durchaus ein taugliches Spielzeug darstellt.

Der Mensch verdrängt von Natur aus schlimme Krankheiten, Schicksalsschläge und den Tod. Mit der Diagnose Krebs ist man dazu angehalten sich direkt mit allen drei Themen auseinander zu setzen. Hinzukommend muss man nicht nur selber mit der Situation klar kommen, sondern ebenso das soziale Umfeld. Wem es nun schwerer fällt, lässt sich nicht so einfach beantworten. Oft schwer verdaulich, liegt es wie ein dunkler Schatten über den Betroffenen.
Judith Ends Buch, muss man nicht danach bewerten, wie es geschrieben ist, da es berichten und keine schöne Geschichte erzählen soll. Dennoch kann man es durchaus wagen einen Blick auf die Sprache zu werfen. Die Autorin schreibt schnörkellos und schnell. Verziehrt ihre Sätze nicht mit unnötigen Metaphern, sondern berichtet ohne Umschweife von ihrem Alltag im Krebsland. Dialoge werden anschaulich dargestellt. Besonders herzergreifend sind die Gespräche mit ihrer Tochter Paula. So erklärt End ihr kindgerecht, dass der Krebs in ihr kein kleines Tier mit Scheren ist.

„Also... ähm, stell dir mal einen Wald vor.“
„Ich stell mir den bei Omi vor.“
„Ja, der ist gut. In diesem Wald leben viele kleine und große Tiere, Blumen und Bäume friedlich zusammen und das funktioniert wunderbar. Stell dir vor, in diesem friedlichen gesunden Wald kommen eines Tages gemeine, gefräßige Monster. Die Monster fressen alles auf, was ihnen in den Weg kommt. Blumen, Bäume, Tiere. Bald gibt es immer mehr Monster im Wald, und die Tiere und Pflanzen können sich nicht mehr alleine wehren. Der Wald wird krank und braucht dringend Hilfe. So etwas Ähnliches ist in meiner Brust passiert. In meinem Körper sind auch gefräßige, gemeine Monster, die Krebsmonster. [...]“

Man merkt durch das Buch hindurch das innige Band zwischen Mutter und Tochter. Nicht nur die Widmung zu Beginn „Für dich, kleine Apachin“ macht deutlich für wen dieses Buch geschrieben wurde. Es ist bewundernswert, wie eine Frau über ihr Schicksal eine solche mitreißenden Roman schreiben kann, der ihr Innerstes zeigt. Es scheint, als offenbare sie dem Leser all ihre Geheimnisse. Persönlich und keineswegs distanziert ist dieses Buch. Ergreifend, erschreckend, aber stets mit einem kleinen Hoffnungsschimmer versehen. Man darf nie aufgeben. Das wird hier ganz deutlich. Es ist sicherlich trotzdem schwer sich der Gefühle klar zu werden, die eine Frau erlebt, die an Krebs erkrankt ist. Aber es öffnet ein kleines Fenster, für diejenigen, die die Augen nicht verschließen wollen. Sicherlich ist es schwer sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Wann und ob dieser Zeitpunkt je eintritt, ist fraglich, doch sollte man sich vielleicht vorher damit konfrontieren, bevor man selber seinem Schicksal erliegt?

Es ist ein schweres Buch mit viel Inhalt, aber es ist vor allen Dingen ein lesenswertes Buch und sogar unterhaltend. Es unterhält trotz des schweren Schicksals von Judith End. Aber vielleicht ist es gerade deshalb so wertvoll. Da es unterhält und gleichzeitig so viel mit gibt. 

Fazit: Eine unbedingte Leseempfehlung, allerdings nur, wenn man sich wirklich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen will und dafür bereit ist. 

Die Autorin: 
Judith End wurde 1981 geboren und brachte mit 21 Jahren ihre Tochter Paula zur Welt. Mit 25 Jahren erhält sie die Diagnose Krebs. Trotz ihrer Krankheit schließt sie im Jahr darauf ihr Studium mit der Note "sehr gut" ab. Ihre Magisterarbeit schrieb die Autorin zum Thema Vorstellungen zum irdischen Paradies. Heute arbeitet sie als Lektoren in einem Hamburger Hörbuchverlag. In ihrem Buch Sterben kommt nicht in Frage, Mama, berichtet End über ihr Leben im Krebsland.





Bewertung: (6 von 7)









Tipp: Judith End ist ab dem 10. November 2010 auf Lesereise u.a. in Berneustadt, Wörkl (Österreich), St. Johann in Tirol (Österreich) und Innsbruck (Österreich).

Bildquelle: www.droemer-knaur.de

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